Digitale sexualisierte Gewalt: Jeder zweite Jugendliche in Deutschland betroffen
Stefanie GeißlerDigitale sexualisierte Gewalt: Jeder zweite Jugendliche in Deutschland betroffen
Eine neue Studie offenbart besorgniserregende Ausmaße digitaler sexualisierter Gewalt unter Jugendlichen in Deutschland. Fast die Hälfte aller 14- bis 25-Jährigen hat bereits mindestens eine Form von Missbrauch im Netz erlebt – etwa Cybergrooming oder sexualisierte Belästigung. Die Erkenntnisse stammen aus einer Sonderauswertung der Jugendsexualitätsstudie des Bundesinstituts für öffentliche Gesundheit (BZgA).
In den vergangenen fünf Jahren hat die Häufigkeit digitaler sexualisierter Gewalt gegen Minderjährige dramatisch zugenommen. Die Daten zeigen: 64 Prozent der jungen Menschen waren bereits von nicht-körperlichen Übergriffen betroffen, darunter sexualisierte Beleidigungen, unerwünschte explizite Bilder oder Manipulation in Chats. Allein im Jahr 2025 gab jeder vierte Minderjährige an, Opfer von Cybergrooming geworden zu sein.
Cybergrooming beginnt oft damit, dass Täter:innen über Nachrichten Kontakt zu Kindern aufnehmen, bevor die Belästigung oder Ausbeutung eskaliert. Viele Vorfälle spielen sich auch in Freundes- oder Schulchatgruppen ab, wo Naivität und Gruppendruck eine Rolle spielen. Jugendliche teilen mitunter sensible Bilder, ohne die Risiken zu erkennen – während die Anonymität des Netzes Täter:innen begünstigt, unentdeckt zu handeln.
Expert:innen nennen mehrere Ursachen: mangelnde elterliche Begleitung, fehlendes Problembewusstsein bei Teenagern und die Beteiligung von Gleichaltrigen als Täter:innen oder Zuschauer:innen. Lehrkräfte nehmen das Problem zwar wahr, fühlen sich aber oft überfordert, angemessen zu reagieren. Yasmina Ramdani, Fachfrau für Kinderschutz, betont, dass Prävention davon abhängt, wie gut Erwachsene Jugendliche auf ihre digitalen Lebenswelten vorbereiten und unterstützen.
In Thüringen setzte ein einzigartiges dreijähriges Pilotprojekt genau hier an. Finanziert von der Landesbeauftragten für Kinderschutz, erreichten Präventionsworkshops rund 5.000 Schüler:innen der fünften bis achten Klassen. Ramdani, die das Projekt leitete, argumentiert, dass Investitionen in frühe Aufklärung langfristig kostengünstiger sind als die Folgen digitaler Gewalt zu bekämpfen.
Die Debatte gewann an Fahrt durch öffentliche Fälle wie die Vorwürfe der Schauspielerin Collien Fernandes, die digitale Gewalt durch ihren Ex-Mann, den Schauspieler Christian Ulmen, anprangerte. Ihr Fall zeigte, wie Online-Missbrauch reale Muster von Kontrolle und Schikane widerspiegeln kann.
Die Studie unterstreicht den dringenden Bedarf an besserer Aufklärung und Schutzsystemen für Jugendliche im Netz. Eltern werden aufgefordert, mit ihren Kindern über digitale Grenzen zu sprechen und das eigene Verhalten zu reflektieren. Ohne verstärkte Präventionsmaßnahmen warnen Expert:innen vor einer weiteren Zunahme des Problems – mit langfristigen Folgen für die Betroffenen.






