30 March 2026, 06:21

Hamburger Staatsoper polarisiert mit radikaler Schumann-Neuinszenierung

Ein verblichenes altes Buch mit zwei Engeln auf dem Cover, das auf einer weißen Oberfläche liegt und 'In Erinnerung an unsere lieben Verstorbenen' betitelt ist, vor einem gedämpften grauen Hintergrund.

Hamburger Staatsoper polarisiert mit radikaler Schumann-Neuinszenierung

Hamburger Staatsoper präsentiert provokante Neuinszenierung von Das Paradies und die Peri

Die Hamburger Staatsoper hat mit einer mutigen Neuinterpretation von Robert Schumanns Oratorium Das Paradies und die Peri für Furore gesorgt – einer Vertonung einer orientalischen Erzählung aus Thomas Moores Lalla Rookh. Unter der Regie von Tobias Kratzer sprengt die Produktion bewusste Grenzen, bezieht das Publikum aktiv ein und webt scharfe gesellschaftskritische Kommentare in die Handlung. Die unter der musikalischen Leitung von GMD Omer Meir Wellber stehende Premiere erntete sowohl Buhrufe als auch begeisterten Applaus und spiegelte damit den polarisierenden, aber faszinierenden Ansatz der Inszenierung wider.

Das Oratorium begleitet Peri, ein engelhaftes Wesen, auf ihrer Suche nach einem Geschenk, das würdig genug ist, die Pforten des Paradieses zu öffnen. Ihre Reise führt sie durch Krieg, Pest und Momente der Reflexion über das Erbe der älteren Generation. Kratzers Regie verstärkt diese Suche, indem sie die vierte Wand durchbricht: Schauspieler bewegen sich ins Publikum, und Lichtstimmungen unterstreichen die emotionalen Schichten der Erzählung.

Vera-Lotte Boecker, die die Peri verkörpert, klettert über Sitzreihen und setzt sich neben eine weinende Zuschauerin – eine symbolträchtige Geste, die andeutet, wie Mitgefühl den Weg ins Paradies ebnen könnte. Der sterbende Jüngling, eine zentrale Figur in Schumanns Werk, wird als schwarzer Mann neu interpretiert, der sich einem weißen Anführer widersetzte, und fügt so eine zeitgenössische Machtkritik hinzu. Kratzer und Bühnenbildner Rainer Sellmaier rahmen die Geschichte als modernen Konflikt, in dem ein weißer Machthaber den Krieg entfacht. Globale Themen wie der Klimawandel bleiben zwar angedeutet, werden aber nicht explizit vertieft.

Der dritte Akt präsentiert ein prägnantes Bild: Kinder spielen unter einer verschmutzten Plastikkuppel – eine düstere Anspielung auf den ökologischen Kollaps. Der Chor, der aktiv in die Inszenierung eingebunden ist, unterstreicht den kollaborativen Geist der Produktion. Die Premiere markiert Kratzers erstes großes Projekt als neuer Intendant der Oper und signalisiert seinen Willen, das Haus für ein breiteres Hamburger Publikum zugänglicher zu machen.

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Die gespaltenen Reaktionen des Publikums – zwischen Buhrufen und jubelnder Zustimmung – zeigten, wie umstritten, aber auch mitreißend die Inszenierung wirkt. Kommende Produktionen wie Monster's Paradise und Frauenliebe und -leben werden diese Tradition innovativer, gesellschaftlich engagierter Musiktheaterabende fortsetzen.

Mit Das Paradies und die Peri verschmilzt die Hamburger Staatsoper Schumanns romantisches Oratorium des 19. Jahrhunderts mit drängenden Gegenwartsthemen. Indem Kratzer das Publikum in das Bühnengeschehen einbezieht und zentrale Rollen neu deutet, stellt seine Regie herkömmliche Opernkonventionen infrage. Die Spielzeit setzt damit auf mutige, gesellschaftskritische Inszenierungen – ein klares Zeichen für den künstlerischen Kurs der Institution.

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